Kommunikationstraining für die Kleingruppe
Ehe-, Familien- und Paartherapie
Als Beispiel für die
beziehungsfördernde Philosophie der Paartherapeuten am ABARIS Institut
für Psychotherapie, Stuttgart, bei der Lösung von Ehe-, Paar- und
Beziehungsproblemen drucken wir hier mit freundlicher Genehmigung die
ausführliche Fassung eines Interviews aus PSYCHOTHERAPIE, das
Diplom-Psychologe und Psychotherapeut
Dietmar G. Luchmann der
Illustrierten MAX gab. Wann immer eine Beziehung zu verbessern oder zu
retten ist - wir freuen uns über jedes Paar, das uns später mitteilt,
wie froh es rückblickend über den Schritt ist, unsere professionelle
Hilfe in Anspruch genommen zu haben.
© PSYCHOTHERAPIE 13.07.2001
Fremdgehen stellt die Paarbeziehung auf den Prüfstand
Ein Seitensprung - und alles ist vorbei?
Wie Paare die Beziehungskrise überwinden: Psychotherapeut Dietmar G.
Luchmann im Interview

Interview von Stefanie Hellge, Redaktion MAX, mit Psychotherapeut und
Paartherapeut
Dietmar G. Luchmann,
ABARIS Institut für Psychotherapie, Stuttgart.
Zur Druckfassung aus
MAX 16/2001, Seite 32
Stefanie Hellge: Viele
Psychotherapeuten sehen in einem Seitensprung ein eindeutiges Indiz
für ein Problem in der bestehenden Partnerschaft. Welche Probleme sind
das in der Regel?
Dietmar G. Luchmann: In die
Partnerschaft tritt ein Paar mit Beziehungskonzepten ein, die sehr
verschieden sein können. Jeder Partner bringt seine in der
individuellen Lerngeschichte erworbenen Erfahrungen, Erwartungen und
Kompetenzen in Bezug auf eine enge menschliche und sexuelle Beziehung
mit. Wo die Liebe hinfällt, wird indes zunächst nicht die naturgemäße
Unvollkommenheit des anderen gesehen, sondern der Partner wird anhand
einzelner Eigenschaften idealisiert. Im alltäglichen Zusammenleben
weicht die anfängliche Verliebtheit einer zunehmenden Vertrautheit.
Dann treten auch die Schwächen deutlich hervor. Die des anderen ebenso
wie die eigenen. Für Schwächen und Fehler haben die meisten Menschen
seit ihrer Kindheit Abwertung erfahren. Beginnt ein Partner nun die
Schwächen des anderen anzusprechen und auf Veränderung zu drängen, so
reagieren viele wieder wie früher - tief verletzt. Deshalb vermeiden
viele Menschen auch in der Partnerschaft, sich mit ihren Schwächen
auseinander zu setzen und Fehler als Chance zur gemeinsamen
Entwicklung zu begreifen. Sie haben nicht gelernt, durch offene und
konstruktive Gespräche ihre Bedürfnisse mitzuteilen und durch
beständige gemeinsame Arbeit an sich selbst ihre unterschiedlichen
Beziehungskonzepte zusammenzuführen. Begegnet ein über die
Unzulänglichkeiten seiner Beziehung frustrierter Mensch in diesem
Moment einem anderen, der genau das zu haben scheint, was er bei dem
eigenen Partner vermisst, so erscheint der Seitensprung eine einfache
und bequeme Lösung. Das eigene Beziehungskonzept kann scheinbar ohne
Veränderung aufrecht erhalten werden.
Sie betrachten den Seitensprung als eine Folge
mangelhafter Kommunikation und fehlender Beziehungsarbeit?
Luchmann: Ja, das sind
mehrheitlich die Gründe, an denen Paare scheitern. Aber ein
Kommunikationsstil, der wechselseitige Anerkennung, respektvolle
Aufrichtigkeit und tiefe Zuneigung praktiziert und dem Partner das
eigene Erleben, Befinden und Fühlen transparent macht, lässt sich
lernen. Oft werden jedoch Interaktionsmuster und Kommunikationsstile
aus der Ich-Gesellschaft in die Paarbeziehung übertragen und zerstören
die Grundlagen von Nähe, Geborgenheit und Rückhalt, die mit der
Partnerschaft verknüpft werden. Paare, die scheitern, haben häufig
übersehen, dass eine erfolgreiche Partnerschaft davon lebt, kein
Wettbewerb der Egoisten zu sein, sondern in den Stürmen des Lebens
vielmehr Halt und Wärme zu geben. Die Liebe ist deshalb das einzige
Gut, das wächst, wenn man es verschwendet. Die grenzenlose Gier der
modernen Gesellschaft nach Genuss erweckt leicht den Eindruck, Treue
und Beständigkeit der monogamen Beziehung taugten lediglich als
Entschuldigung der Einfältigen. Das Gegenteil ist richtig: Immer mehr
Menschen sind in ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit sehr einsam. Wer
sexuelle Highlights will und den Partner für seine Bedürfnisse
gewinnt, mit dem bereits eine tragfähige und bewährte Beziehung
verbindet, hat langfristig die besseren Chancen, glücklich zu sein,
als nach dem Seitensprung von vorn anzufangen. Eine innige und
befriedigende Paarbeziehung ist ein durch beständige Beziehungsarbeit
erworbenes großes Glück.
Gibt es auch Seitensprünge, die einfach passieren
und mit der bestehenden Partnerschaft nichts zu tun haben?
Luchmann: Durchaus. Das ist
der Konflikt zwischen den Ansprüchen einer Hochkultur und den realen
Individuen, deren Verhalten noch oft durch einfachste Schlüsselreize
hormonal gesteuert wird. Davon lebt nicht nur die Werbung mit dem
Prinzip "Sex sells". Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass unsere
kurze Kulturzeit nicht immer Millionen Jahre biologische Entwicklung
kompensieren kann, die Männer und Frauen lustbetont gleichermaßen
orientierte, möglichst viele Nachkommen zu zeugen. So unterschätzen
sie im Bereich Sex ihre Anfälligkeit, nach biologisch vorgegebenen
Verhaltensmustern zu reagieren. Die Psychoanalytiker, die regelhaft
ihre Patientinnen sexuell missbrauchen, belegen diese Diskrepanz
zwischen dem Schein und der Wirklichkeit in ihrer unerfreulichsten
Form. Diese Mechanik ist mit dem derben Satz gemeint: Wenn der Schwanz
steht, schaltet das Hirn ab.
Kann man unterscheiden in "gute" Seitensprünge und
"schlechte"? Ist z.B. ein Seitensprung mit einem Fremden, wo es nur um
Sex ging, ein "guter" und Sex mit jemanden, den man auch als Mensch
gern hat, ein "schlechter"?
Luchmann: Eine solche
Bewertung ist nicht hilfreich. Es gibt zwar Paare, die sich
einvernehmlich ein bestimmtes Maß an sexueller Freizügigkeit
zugestehen. Wenn beide Partner die vereinbarten Regeln respektieren,
kann eine solche Beziehung ungeachtet der gesundheitlichen Risiken im
Aids-Zeitalter sehr gut und befriedigend funktionieren. In einer
offenen Beziehung mag auch eine gemeinsame Freundin, ein gemeinsamer
Freund oder ein befreundetes Paar einvernehmlich zur sexuellen
Bereicherung beitragen. In allen anderen Fällen wird jede Art von
Seitensprung als ein tatsächlicher Treuebruch die Bindung jedoch
nachhaltig in Frage stellen. Für die meisten Menschen besteht Liebe
heute in der Ausschließlichkeit, den Partner nicht teilen zu müssen.
Im Gegensatz zu diesem Anspruch lassen die erotische Attraktivität und
die sexuelle Aktivität in einer Beziehung mit der Zeit oft nach. Zudem
praktizieren die meisten Paare entgegen dem Eindruck in manchen Medien
eher schlichten Hausmannssex. Je weniger ein Paar das unvermeidliche
sexuelle Spannungsfeld zwischen dem Innen und dem Außen wahrnimmt und
gestaltet, in dem sich jede langfristige Paarbeziehung bewegt, umso
größer wird die Erschütterung sein, wenn der Fall eingetreten ist,
dass ein Partner entgegen der erwarteten Treue und Ausschließlichkeit
seiner "biologischen Steuerung" erlegen ist. So kann allenfalls der
Umgang mit dem Seitensprung in einer Weise erfolgen, die für die
Beziehung "gut" oder "schlecht" ist.
Im Interview mit der "Welt am Sonntag"
sprachen Sie über die Wichtigkeit des Beichtens. Warum ist Beichten
für das Fortführen der bestehenden Partnerschaft so wichtig?
Luchmann: Ein Seitensprung
verändert eine Beziehung gravierend. Für den, der ihn begangen hat,
ebenso wie für den, der hintergangen worden ist. Der eine weiß es, der
andere kann es zumeist spüren. So wenig wie ein Autoliebhaber bei
seinem besten Stück plötzliche Motoraussetzer ignorieren würde, so
wenig sollte ein Seitensprung übergangen werden. Das Geschehen
signalisiert einen ernsten Konflikt in der Partnerschaft, an dem zu
arbeiten zwingend erfordert, den Partner einzubeziehen. Dieser wird
die Tragweite der Beziehungskrise oft erst erkennen können, wenn ihm
der Seitensprung offenbart wird. Wird das aktuelle Geschehen und der
zugrunde liegende Konflikt nicht von beiden gemeinsam aufgearbeitet,
kann die Beziehung langsam von innen heraus zersetzt werden. Es ist
ein verbreiteter Irrglaube, dass eine Paarbeziehung umso eher
auseinander bricht, je häufiger Auseinandersetzungen stattfinden.
Entscheidend ist vielmehr die Art und Weise wie konstruktiv mit
Fehlern und Konflikten umgegangen wird und wie unvermeidbare
Verletzungen durch Liebe und Leidenschaft ausgeglichen werden.
Ist es in bestimmten Fällen nicht besser, einfach
den Mund zu halten?
Luchmann: Kaum. Auch wenn
manche Ratgeber das Verschweigen bevorzugen - ich empfehle
respektvolle Offenheit statt Selbsttäuschung. Sex ist ein natürliches
Verlangen wie Essen oder Trinken, dessen Befriedigung wir bedürfen und
mit dem wir lernen können in sachgerechter und partnerschaftlicher
Weise umzugehen. Viele Probleme entstehen daraus, dass die Sexualität
und die Paarbeziehung idealisiert werden. Dies zu erkennen und ein
realistisches Beziehungskonzept zu erarbeiten, mag vorübergehend
schmerzhaft sein, ist aber für eine im Grundsatz tragfähige Beziehung
immer ein Gewinn. Natürlich kann es Konstellationen geben, in denen
ein Partner durch Krankheit oder Behinderung die sexuellen Bedürfnisse
des anderen nicht mehr zu befriedigen vermag. Wenn ein Partner den
anderen pflegt und gleichwohl Sex außerhalb dieser Beziehung
praktiziert ist vorstellbar, dass wechselseitiges Vertrauen und
gegenseitige Achtung ein Paar zu einem Arrangement führen kann, das
Einvernehmen herstellt, ohne durch Details zu belasten oder zu
verletzen.
Wie können Paare den Vertrauensbruch bewältigen?
Luchmann: Eine Krise bedeutet
nicht das Ende der Beziehung. Auch der vermeintliche Traumpartner hat
nicht nur Stärken, sondern ebenso Schwächen. Die Probleme mit ihm
wären vielleicht nicht dieselben, aber gewiss andere. Jedes Paar
besteht stets aus zwei eigenständigen Menschen mit jeweils
unterschiedlicher Lerngeschichte, Weltsicht und Bedürfnislage. Das
Paar kann die Krise nutzen, sich über diese Schwächen auseinander zu
setzen, ohne immer gleich verletzt, mit Rückzug oder Verweigerung zu
reagieren. Es ist wichtig, sich wechselseitig so öffnen und betrachten
zu lernen, dass jeder dem anderen helfen kann, seine Schwächen zu
überwinden. Das erfordert Mut, Offenheit, Geduld und
Einfühlungsvermögen in die Lage des anderen. Es ist unverzichtbar,
sich Zeit zu nehmen, sich wechselseitig zuzuhören. Keinesfalls
hilfreich sind Kritik, Abwertung und Rechtfertigung. Eine
Schuldzuweisung bringt nicht wirklich weiter. Ein Paar kann sich in
dieser Situation sinnvoll nur die Frage stellen: Was können wir aus
dem Geschehen für die Zukunft lernen? Dabei sind Aufrichtigkeit und
Offenheit der Schlüssel zum Vertrauen des Partners, der zu entscheiden
hat, ob er den Vertrauensbruch verzeihen kann. Insofern ist die Krise
ein Prüfstein für die Lernfähigkeit der Partner und den Wert der
Beziehung. Oft sind sie später froh, um ihre Beziehung gekämpft zu
haben.
Die meisten Seitensprünge sind nicht geplant, man
gerät in eine Situation und muss sich entscheiden: Soll ich oder soll
ich nicht. Viele Menschen hätten sicher gern eine Art Leitfaden (Er
hat braune Haare und war schon mal verheiratet? Na, dann lieber
nicht..). Gibt es Kriterien, wo man davon ausgehen kann, jetzt und mit
diesem Menschen ist ein Seitensprung eine ganz schlechte Idee?
Luchmann: Ich halte jeden
Seitensprung, der den Partner hintergeht, für eine schlechte Idee.
Vertrauen ist das Fundament und das kostbarste Gut jeder
Partnerschaft. Der kurze Gewinn an Lust und Illusion steht zu den
Risiken eines nicht mehr behebbaren Vertrauensverlustes in keiner
vernünftigen Relation. Zwar leben wir in einer Zeit, die
Selbstverwirklichung zur Tugend erhebt. Daraus resultiert für viele
ein krankhafter Egoismus. Selbstverwirklichung auf Kosten des Partners
tötet aber auf Dauer jede Beziehung und führt letztendlich zur
Vereinsamung. Reife Menschen werden die Verantwortung ihrem Partner
gegenüber immer auch als Verantwortung für sich selbst betrachten. Mit
dem Sex ist es nicht anders als mit den Kirschen in Nachbars Garten:
Wenn man sie stiehlt, bekommt man Schrotkugeln in den Hintern, wenn
man darum bittet, bekommt man manchmal die schönsten Kirschen
geschenkt.
Welche Vermeidungsmöglichkeiten gibt es? Allein die
Tatsache, dass man für eine Partnerschaft auch Opfer bezüglich des
eigenen Egos (in diesem Fall: Sex mit jemand anderem) bringen muss,
hilft oft nicht wirklich.
Luchmann: Ein Seitensprung ist
ebenso wenig völlig auszuschließen wie ein Verkehrsunfall, es sei
denn, man verzichtet völlig darauf, am Leben teilzunehmen. Die
Statistik belegt: Je weniger die Menschen miteinander sprechen und je
mehr Freiheit die Gesellschaft ihnen gibt, umso mehr Ehen gehen
kaputt. Ob man es als Opfer oder als Gewinn für das eigene Ego
empfindet, von dem Risiko frei zu sein, mit ständig wechselnden
Sexualpartnern verkehren zu müssen, ist eine Frage der persönlichen
Reife und Werte-Definition. Gesellschaftliche Freiheit beinhaltet
daher, sich selbst begrenzen zu lernen. Ein guter Weg besteht darin,
am Anfang einer Partnerschaft auch für diese Situation realistische
Vereinbarungen zu treffen. Einen besseren Weg der Prävention stellt
die unermüdliche Pflege der eigenen Paarbeziehung dar. Menschen in
einer glücklichen Beziehung sind in der Regel für einen Seitensprung
deutlich weniger anfällig. Ich empfehle meinen Klienten, ihrem Partner
dieselbe Aufmerksamkeit und Hingabe zu widmen, die sie sich in Bezug
auf ihre Person wünschen. Wer sich deutlich mehr Zeit für seinen
Partner nimmt als die zehn Minuten, die verheiratete Paare nach
statistischen Befunden durchschnittlich miteinander sprechen, und auf
das gemeinsame Beziehungskonto immer ein wenig mehr einzahlt als er
entnimmt, der wird seine Beziehung lange am Leben erhalten.
Kann Seitenspringen auch positiv sein?
Luchmann: Ist der Seitensprung
geschehen, so kann er für beide Partner bei der Bewältigung zu einer
großen Herausforderung werden. Er wird die Beziehung erschüttern, aber
diese Erschütterung kann eine neue Qualität hervorbringen. Man darf
nicht vergessen: Auch bei der Vervollkommnung ihrer Paarbeziehung
bleiben zwei Partner lebenslang Lernende. So kann ein Seitensprung zum
Salz in der Suppe eines reifenden Paares werden.
Die bearbeitete
Druckfassung dieses von
Stefanie Hellge geführten Interviews enthält die Illustrierte "MAX" in
der Ausgabe vom 26.07.2001, Seite 32.
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